Butterblume in Afrika
Butterblume in Afrika

25.10.2015, Papyrus Guesthouse, Entebbe, Mabamba Swamp Tour

Wie immer nach Ankunft war die erste Nacht aufgrund der ungewohnten Umgebung kurz. Das Papyrus Guesthouse liegt allerdings in einer wesentlich ruhigeren Gegend wie The Boma. Doch der nervige Muezzin quäkte auch hier bereits gegen 05:00 Uhr aus einigen Lautsprechern. Wenigstens hatte es keine drönende Partymusik in der Nachbarschaft und richtig laut sangen lediglich die im Garten zahlreich vertretenen Piepmätze.

 

In den Wochen vor Abreise wurde ich eindringlich von Douglas, unserem Autovermieter und Freundin Elvira aus Nairobi gewarnt, dass mit dem heftigsten El Nino seit 35 Jahren auch extreme Regenfälle in Ostafrika zu erwarten seien. Stefan Kluge konnte dies anhand seiner meteorologischen Aufzeichnungen für den Oktober bereits bestätigen. Nun ja, einen Wermutstropfen (oder viele…) würde das preislich reduzierte Gorilla-Tracking-Permit sicherlich kosten.

November ist Regenzeit in Uganda und sie wird ihrem Namen an diesem Morgen schon recht früh gerecht. Die Region um den Lake Victoria ist traditionell recht niederschlagsreich (1015 Millimeter pro Jahr). Bedingt durch die hohe Verdunstung liegt hier die ostafrikanische Wetterküche.

 

Nach gemeinsam mit Sabine und Gabi eingenommen Frühstück öffnete der Himmel gegen 08:00 Uhr seine Schleusen. So ein Mist! Wir wollten um 08:30 Uhr die Tour in die Mabamba Swamps antreten und den Schuhschnabel finden. Allerdings tauchte auch kein Fahrer auf. Eine Kontrolle der Buchungsunterlagen ergab, dass sich Douglas bei der Reservierung der Tour um einen Monat vertan hatte. Also arrangierten wir über das Papyrus Guesthouse mittels Taxifahrer Elias unseren eigenen Shuttle zu den Sümpfen. Die Tour hätten wir eh bei Abholung bar an den Veranstalter gezahlt. Gegen 09:45 Uhr ging´s endlich bei nur noch leichtem Regen auf einer Erdpiste über den Shortcut Richtung Kasanje Village. Wir verließen die geteerte Straße Richtung Kampala linkerhand kurz hinter Kisubi und bogen auf die Entebbe-Kawuku-Nakawuka Road ein. Rasch lassen wir die städtische Architektur hinter uns. Links und rechts säumten einfache Holzhütten den Weg, vor denen vielfach frisches Obst und Gemüse aus eigenem Anbau zum Kauf feilgeboten wurde. Kleine Dukas, vergleichbar unseren Tante Emma-Läden, sind erster Anlaufpunkt nicht mobiler Dorfbewohner, um sich mit einigen notwendigen Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, welche Waren es bis in den letzten Winkel der Welt geschafft haben und welche Mengen man davon in einem Bretterverschlag unterbringen kann.

Beginn der Entebbe-Kawuku-Nakawuka Road hinter Kisubi
zwischen Entebbe und Mabamba Swamps
Duka, zwischen Entebbe und Mabamba Swamps
erstaunliches Sortiment, zwischen Entebbe und Mabamba Swamps

Meine Freude war groß, als ich sah, dass endlich an einer direkten Verbindungsstraße Masaka – Entebbe gebaut wurde. Dies wird zukünftig die Fahrzeit nach Entebbe erheblich verkürzen, da man sich dann nicht mehr mit dem verkehrstechnisch hoffnungslos verstopften Kampala auseinander setzen muss, wo manche Straßenzüge an Megastädte in Fernost erinnern, durch deren Menschenmassen sich der chaotische Verkehr zwängt.

 

Unterwegs registrierten wir, wie sich nach wie vor die Bevölkerung in großem Stil mit Brennholz versorgt. Es wurde abgeholzt, was das Zeug hält! Nachdenklichkeit machte sich breit. Wie soll die rasant wachsende Bevölkerung in Uganda (und auch anderen afrikanischen Ländern) den so überlebenswichtigen Naturraum nachhaltig bewahren?

 

In Nakawuka bogen wir links ab und durchquerten Kasanje Village. Einige tiefe Schlammlöcher taten sich auf, die Elias bravourös meisterte. Ein junges Mädchen kam uns mit seiner Sitzbank für die Schule entgegen, die wohl an diesem heutigen Sonntag zweckentfremdet in der Kirche benutzt wurde.

Neubau der Strecke Masaka-Entebbe-Kampala
hier versorgen sich die Einhemischen mit Brennholz, zwischen Entebbe und Mabamba Swamps
Kreuzung Naskawuka, den rechten Weg Richtung Mpigi nehmen wir Dienstag unter die Räder
zwischen Entebbe und Mabamba Swamps
zwischen Entebbe und Mabamba Swamps
Karte Entebbe - Mabamba Bay, T4Africa
zwischen Entebbe und Mabamba Swamps

Etwa gegen 11:15 Uhr und nach knapp 48 km erreichten wir die Mabamba Bay Landing Site. Der Himmel präsentierte sich immer noch in verschiedenen Variationen von Grautönen. Im kleinen Tourist Office des Community Projects entrichteten wir 50.000 UGX Permit pro Person. Das ist verdammt wenig, fanden wir, denn mittels Motorboot begleitete uns nicht nur der Bootsführer, sondern auch Geoffrey, ein kundiger, akkreditierter Vogelkundler des Uganda Bird Guides Club. Als Selbstfahrer benötigte es keine Vorausbuchung der Tour via Mabamba Shoebill Tours etc. Das teuerste an dieser Unternehmung ist sicherlich der Transport zu den Swamps, welcher die Reisekasse um ca. 100 US$ erleichtert.

 

Das Mabamba-Sumpfgebiet dehnt sich über 165 km² am nördlichen, durch viele Buchten gegliederten Ufer des Viktoriasee aus und liegt auf immerhin 1130 Metern Höhe. Dichter Bewuchs von Papyrus (Cyperus papyrus) breitet sich in dem offenen See zugewandten Gebieten aus, landeinwärts in flachem Wasser gedeihen Miscanthus/Schilf, Binsen und Farne. Weit verbreitet sind der Blaue Lotus (Nymphaea caerulea) und der Wassersalat (Pistia stratiotes). Die Mabamba Swamps sind von Bird Life International als Important Bird Area (IBA) eingestuft, denn sie bieten drei vom Aussterben bedrohten Vogelarten ein Rückzugsgebiet: Schuhschnabel (Balaeniceps rex), Papyruswürger (Laniarius mufumbiri) und Stahlschwalbe (Hirundo atrocaerulea).

 

Auf Holzplanken balancierten wir an Bord des Fischerboots und richteten uns häuslich ein. Der Bootsführer steuerte uns geschickt durch den schmalen Kanal, welcher von der Landing Site zum offenen See führt. Als erstes fiel ein schöner Purpurreiher in unser Blickfeld, der vor dichtem Papyrus posierte. Wunderschöner lila- und rosafarbener Lotus bedeckte die graue Wasserfläche und gar nicht so selten trafen wir auf den kleinen, bunten Haubenzwergfischer, der nahezu regungslos auf einem Zweig sitzend das Gewässer nach kleinen Fischen absuchte. Von einem Zwergblatthühnchen, welches vergleichsweise seltener wie das Blaustirnblatthühnchen anzutreffen ist, gelangen trotz des schaukelnden Gefährts recht gute Fotos.

Mabamba Swamps, Foto: S. Pühl
Purpurreiher/Purple Heron (Ardea purpurea), Mabamba Swamps, Uganda
Blauer Lotus (Nymphaea caerulea), Mabamba Swamps, Uganda
Zwergblatthühnchen/Lesser Jacana (Microparra capensis), Mabamba Swamps, Uganda
Haubenzwergfischer/Malachite Kingfisher (Alcedo cristata), Mabamba Swamps, Uganda
Mabamba Swamps, Uganda
Gelbschnabelente/Yellow-billed Duck (Anas undulata), Mabamba Swamps, Uganda
Blaustirn-Blatthühnchen/African Jacana (Actophilornis africanus), Mabamba Swamps, Uganda
Mittelreiher/Intermediate Egret (Ardea intermedia), Mabamba Swamps, Uganda
Riedscharbe/Long-tailed Cormorant (Phalacrocorax africanus), Mabamba Swamps, Uganda
Graufischer/Pied Kingfisher (Ceryle rudis), Mabamba Swamps, Uganda
Blauer Lotus (Nymphaea caerulea) in Rosafärbung, Mabamba Swamps, Uganda
Graufischer/Pied Kingfisher (Ceryle rudis), Mabamba Swamps, Uganda
Purpurreiher/Purple Heron (Ardea purpurea), Mabamba Swamps, Uganda
Orchidee, Mabamba Swamps, Uganda
Kuhreiher/Cattle Egret (Bubulcus ibis), Mabamba Swamps, Uganda
Langzehenkiebitz/Long-toed Lapwing (Vanellus crassirostris), Mabamba Swamps, Uganda

Neben den obigen Arten sichteten wir Schwarzmilane, Blaubrustspinte, Stummelweber und einen Mönchskuckuck.

 

Obwohl die Mabamba Swamps zu einem der besten Beobachtungsgebiete für den Schuhschnabel gelten, fanden wir den Vogel zunächst nicht. Sein aktueller Bestand wird von der IUCN auf nur noch 5000 bis 8000 Exemplare geschätzt. 80% der Population leben im Sudd des Sudans.

 

Unser Field Guide Geoffrey erklärte, dass es schwierig wäre, die Vögel im Dickicht ohne Sonnenschein zu finden, da sie sich einfach im Schilf- bzw. Papyruswald weggucken. Außerdem ist der große Vogel, mit dem in der Vogelwelt einzigartigen Schnabel, äußerst selten am offenen Gewässer anzutreffen. Er bevorzugt dicht bewachsene und damit geschützte Flachwassergebiete. Leichte Enttäuschung kroch in mir hoch, als das Boot nach zweistündiger Suche langsam wieder Fahrt in Richtung Bootsanleger aufnahm. Geoffrey und der Bootsführer besprachen sich kurz und beschlossen nochmals einige kleine enge Schneisen im Schilf abzusuchen. Unser Bird Guide kletterte auf den Kiel des Bootes und spielte mit beiden Beinen auf der Schiffswand stehend die Galionsfigur, um einen besseren Überblick über das Terrain zu erhalten. Das Wasser unterm Kiel nahm bedrohlich ab und oftmals wickelte sich Wassersalat um die Bootsschraube und stoppte das Vorankommen. Doch die beiden Männer gaben nicht auf und tatsächlich, irgendwann erscholl der leise, aber eindringliche Ruf: „Shoebill in front!“. Tatsächlich, zwischen zwei Schilfwäldchen stand regungslos dieser ca. 1,20 Meter große, urige Vogel auf der Lauer nach Fischen, die seine Hauptnahrungsquelle bilden. Das graublaue Gefieder war wirklich nur sehr schwer auszumachen. Erstaunlicherweise ließ sich die Schuhschnäbelin – Geoffrey identifizierte sie als Weibchen, die offensichtlich größer sind wie Männchen – durch unsere Anwesenheit in keinster Weise stören.

 

Der Oberschnabel ähnelt dem der Pelikane; er ist scharf gerandet und trägt eine nagelartige Spitze. Hierdurch kann er schlüpfrige Beutetiere sicher festhalten oder zerteilen. Auch der Kopf ist sehr groß und relativ breit. Die langen Beine enden in äußerst langen Zehen, die das Gewicht auf eine große Standfläche verteilen und so ein Einsinken verhindern. Die breiten Flügel ermöglichen einen kräftigen Flug mit ausgedehnten Gleitphasen. Am häufigsten ist der Schuhschnabel im Süden des Südsudan. Darüber hinaus findet man ihn vor allem in Uganda, Tansania und Sambia, sowie in isolierten Vorkommen in einigen an diese angrenzenden Staaten.

 

Das Nest wird inmitten der Sümpfe erbaut, entweder auf festem Untergrund oder auf treibenden Inseln aus Vegetation. Hier wird Pflanzenmaterial zu einem kleinen Hügel angehäuft. Als strikte Einzelgänger verteidigen die Schuhschnabelpaare ein Revier von 2,5 bis 3,8 km² Größe. In das Nest werden ein bis drei Eier gelegt, die zunächst bläulichweiß sind, aber bald braunfleckig werden. Im Schnitt misst ein Ei 8,5 x 6 cm.

 

Beide Partner brüten. Um eine Überhitzung des Geleges zu verhindern, wird es regelmäßig gewendet und mit Wasser übergossen. Vier- bis fünfmal täglich füllen die Vögel ihre Schnäbel mit Wasser, um damit die Eier zu kühlen. Früher wurde der Schuhschnabel in die Familie der Schreitvögel eingeordnet. Neue Erkenntnisse ergaben jedoch, dass der Vogel von pelikanartigen Vorfahren abstammt. Somit ist er aktuell in die Familie der Ruderfüßer (Pelecaniformes) eingeordnet (Quelle Wikipedia).

 

Unser Schuhschnabelexemplar verharrte mit einer Engelsgeduld lange Zeit bewegungslos und ließ sich ausführlich fotografieren. Zumal die beiden Männer das Boot verließen und dieses aufgrund des flachen Wassers mühsam mit uns Weibern an Bord vorsichtig weiter in die Nähe des Federkleids zogen und schoben. So konnten wir über eine dreiviertel Stunde mit dem Schuhschnabelweibchen verbringen.

Mabamba Swamps, Foto: S. Pühl
Schuhschnabel/Shoebill (Balaeniceps rex)♀, Mabamba Swamps, Uganda
Schuhschnabel/Shoebill (Balaeniceps rex)♀, Mabamba Swamps, Uganda
Schuhschnabel/Shoebill (Balaeniceps rex)♀, Mabamba Swamps, Uganda
Schuhschnabel/Shoebill (Balaeniceps rex)♀, Mabamba Swamps, Uganda
Schuhschnabel/Shoebill (Balaeniceps rex)♀, Mabamba Swamps, Uganda

Wer weiß schon, ob diese einzigartigen Vögel nicht in 10 Jahren ausgestorben sind. Die Trockenlegung der Sümpfe im Südsudan aufgrund eines Kanalbaus schreiten massiv voran. Auch hier in Uganda wirkt sich der Bevölkerungsdruck in erschreckendem Ausmaß auf Umwelt und Naturraum aus.

 

Glücklich, den Vogel der Begierde nun auch in freier Wildbahn gesichtet zu haben (im Vogelpark Walsrode gibt es auch ein Exemplar zu bestaunen), begaben wir uns auf den Rückweg zum Anleger.

Gabi, Sabine, Mabamba Swamps, Foto: S. Pühl
in einer solchen Schilfhütte übernachten die Fischer, wenn sie auf Fischfang sind, Mabamba Swamps
Mabamba Swamps, Foto: S. Pühl
noch zu bestimmende Libelle, Mabamba Swamps
Mabamba Swamps, Foto: S. Pühl
Mabamba Swamps, Foto: S. Pühl
Haubenzwergfischer/Malachite Kingfisher (Alcedo cristata), Mabamba Swamps, Uganda
Mabamaba Bay Landing Site, Mabamba Swamps, Uganda

Unser Fahrer Elias brachte uns auf gleichem Weg zurück nach Entebbe, mit dem Unterschied, dass sich das Wetter langsam gebessert hatte.

 

Zurück im Papyrus Guesthouse entlohnten wir Elias. Für den Fahrdienst wurden 400.000 UGX fällig. Auf Sabine und Gabi wartete der Container und ein Fahrer des Naggalama Hospitals. Wir verabschiedeten uns herzlich und werden spätestens in Deutschland wieder Kontakt miteinander aufnehmen.

 

Um den Magen zu füllen, bestellte ich mir bei Esther ein Thunfischsandwich und testete anschließend ein Stündchen die Matratze meines Zimmers.

zwischen Mabamba und Entebbe
Kasanje, zwischen Mabamba und Entebbe
zwischen Mabamba und Entebbe
zwischen Mabamba und Entebbe
Neubau der Verbindung Masaka-Entebbe/Kampla
Neubau der Verbindung Masaka-Entebbe/Kampla

Am späten Nachmittag konnte ich Lydia, die Eigentümerin des Papyrus Guesthouse begrüßen. Sie war gerade erst von einer Safari mit Gästen aus der Nkuringo Gorilla Lodge im Bwindi zurück gekommen. Lydia lernte ich dieses Jahr in Berlin auf der ITB kennen. Sie hatte sich dort spontan angeboten für Freunde von uns ein Tentco-Zelt aus Südafrika mitzubringen und es sicher nach Nairobi zu transportieren. Und da eine Hand die andere wäscht, habe ich kurzerhand beschlossen, meinen dreitägigen Entbebbeaufenthalt in ihrem erst 2014 eröffneten Guesthouse zu verbringen. Für das Doppelzimmer inkl. Frühstück wurden lediglich 102 US$ pro Nacht fällig. Das Boma ist teurer, verfügt aber über Pool und ein besseres Restaurant. Dafür ist es im Papyrus GH wesentlich ruhiger und überschaubarer. Das liebenswerte Staff bestehend aus Assistent Managerin Annett, Peace und Esther kann am Service zwar noch einiges verbessern, aber die Atmosphäre ist unschlagbar familiär. So lieben wir das. Luxus ist für andere!

 

Gegen 18:30 Uhr traf auch Douglas mit seiner Frau Prosp aus Kampala ein. Wir hatten uns zum Dinner verabredet. Wie immer war die Unterhaltung sehr intensiv und viel zu Lachen gab´s auch.

 

Gegen 23:00 Uhr lag ich dann in meinem Bett. Und gegen 23:30 Uhr (Jochens Flieger sollte eigentlich schon gelandet sein), klopfte es an der Tür. Annett hielt mir ihr Handy hin. Jochen rief aus Kairo an und teilte mit, dass er den Flieger verpasst hätte (das Hotel in Düsseldorf hat den bestellten Weckruf nicht ausgeführt und auf der Autobahn war Stau…) und nun via Ägypten am nächsten Morgen anreisen würde.

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© Marina Meger 2017